Praxistest: Das Cirrus™ HD-OCT

Von Dr. Michael Tittl

Ob der Leistungsfähigkeit hochwertiger Spaltlampen war ich von der Notwendigkeit einer okulären Koherenztomographie (OCT) nicht hundertprozentig überzeugt. Netzhautdickenunterschiede waren bei genauer Biomikroskopie auch mit ?freiem Auge" sichtbar. Und präzise Angiographiebilder haben die Diagnose und Indikationen fast immer besiegelt.

N un, ich muss gestehen, ich habe meine Meinung geändert, seitdem sogenannte Fourier Domain OCTs am Markt erhältlich sind. Es gibt bereits Modelle verschiedener Hersteller. Sie sind bezüglich ihrer technischen Eckdaten von ähnlicher Leistungsfähigkeit. Aber es wird nur wenige Kollegen geben, die die Möglichkeit haben, mehr als 2-3 Modelle eingehend zu testen. Derzeit erprobe ich das aktuelle ?Cirrus" HD-OCT der Fa. Zeiss. Es ist auf Anhieb klar, dass vor allem die drastische Steigerung der Messgeschwindigkeit von unschätzbarem diagnostischen Wert ist. Dies ist im besonderen bei Makulopathie- Patienten von großem Wert, da sie im fortgeschrittenen Alter, bei schwacher Fixation und oft trockenen Augen schwierig zu messen sind.

Unbedingt hervorzuheben ist auch die Ergonomie des Geräts, die es einem ermöglicht, die Untersuchung an Hilfspersonal zu delegieren ohne auf verlässliche Messergebnisse zu verzichten. Hier wird es wohl modellspezifische Unterschiede geben, die es allerdings wert sind, vor einer etwaigen Kaufentscheidung genauestens betrachtet zu werden. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass dann solch teure und unergonomische Geräte im Routinealltag schnell zu erhöhtem Blutdruck führen und sich nie amortisieren.

Dass das OCT für das Monitoring vieler Makulapatienten, sei es AMD oder DRP, unerlässlich ist, steht außer Zweifel und braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Dass dies auch für Glaukompatienten so sein könnte ist ein extrem spannender Teilaspekt und von visionärer Kraft.

Da es Anti-VEGF Patienten schlicht unzumutbar ist sich monatlich einer fluoreszenzangiographischen Untersuchung zu unterziehen, muss man das OCT ja fast als Voraussetzung für eine stringente Verlaufskontrolle ansehen.

Was mich besonders fasziniert ist die Tatsache, dass die jetzt erreichte Evolutionsstufe heutiger OCTs es einem ermöglicht, verlässliche Messungen im Routinebetrieb durchzuführen (Gewebsdickenmessung), aber auch aufgrund der Mächtigkeit der Hard- und Software spezifischen Fragen nachzugehen, die sich mannigfaltig auftun.

1.Sachverhalte, die mich derzeit besonders beschäftigen sind: Die Integrität der äußeren Blut/ Retinaschranke bezüglich der Reagibilität auf wiederholte Laserkoagulation, photodynamische oder Anti-VEGF-Therapie. Kurz gesagt, wie gesund muss der RPE/Photorezeptor- Komplex sein um eine Therapie einzuleiten oder fortzuführen, vor allem in Hinblick auf die Wiederholungsraten bei intravitrealen Injektionen?

2. Gibt es Artefakte wie Gewebsspaltbildungen, die wir akzeptieren können, ohne mit einer Verschlechterung des funktionellen Befundes nach 4-6 Wochen rechnen zu müssen?

3.Nicht neu, aber wichtig wie nie, weil besser darstellbar, ist die Frage nach der Rolle des Glaskörpers in der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Krankheitsprozessen am hinteren Pol. Hier hilft ein höheres Auflösungsvermögen ungemein.

Insgesamt gesehen gehen wir in der nicht tomographischen Netzhautdiagnostik einer sehr spannenden, weil lehrreichen Zeit entgegen. Und das Limit des technisch Machbaren scheint noch gar nicht erreicht zu sein.

 
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