Rechnungshofbericht ohne Substanz

MR Dr. Helga Azem, Obfrau der Sektion Fachärzte der Ärztekammer für Wien, über den jüngsten Rechnungshofbericht zum Vergleich der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) mit der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK) und warum der Grundansatz des Papiers bereits falsch ist.

Wer ist schuld an der Pleite der Wiener Gebietskrankenkasse? Der jüngste Bericht des Rechnungshofes erweckt den Anschein, als wären es die ärztlichen Honorare, die die Finanzen der Krankenkassen ins Bodenlose stürzen lassen. Doch bei näherer Betrachtung des Papiers wird man erkennen, dass der Rechnungshofbericht weit entfernt ist von einer seriösen Analyse. So hat man beispielsweise ärztliche Einzelleistungen aus der Augenheilkunde einander gegenübergestellt mit der Intention, zu beweisen, dass in Wien die Ärztinnen und Ärzte wesentlich teurer seien als in Oberösterreich.

Um zu erkennen, dass dies nicht der Fall ist, hätten die Prüfer genauer und vor allem tiefgehender analysieren müssen. Dann wären sie nämlich auch auf Positionen gestoßen, die in Wien mit der Fallpauschale abgedeckt, in Oberösterreich jedoch als Sonderleistung zusätzlich honoriert werden. Dazu gehört etwa die Basisuntersuchung ?Prüfung des Farbsinns", die in Oberösterreich mit 3,95 Euro honoriert wird, oder auch die Farbsinnprüfung mit dem Anomaloskop mit 14,40 Euro in OÖ. Die Wiener Augenärztinnen und -ärzte erhalten für diese Untersuchungen keinen Cent extra. In der Bundeshauptstadt sind eben diese Positionen durch die Fallpauschale abgedeckt. Im Rechnungshof nicht erwähnt ist auch die Tatsache, dass es durchaus Positionen gibt, die in OÖ höher dotiert sind als in der Bundeshauptstadt, wie etwa die Fremdkörperentfernung aus der Hornhaut, die in Wien 13 Euro kostet und in OÖ 16,33 Euro oder die Untersuchung mit dem Kontaktglas, die in Wien mit 6,50 Euro vergütet wird und in OÖ mit 9,80 Euro. Unabhängig davon, ob es nun die oberösterreichischen Kolleginnen und Kollegen oder die Wiener Ärztinnen und Ärzte sind, die kostengünstiger arbeiten - diese Beispiele zeigen, dass der Rechnungshofbericht nur eine oberflächliche Interpretation der Situation ist, im Rahmen derer wichtige Umstände einfach beiseite gelassen wurden.

Sinnloser Vergleich von Wien mit Oberösterreich
Sogar der Ausgangspunkt dieses Berichts, die Wiener mit der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse
zu vergleichen, war schlichtweg ein falscher Ansatz. Eine Bundeshauptstadt mit einem Bundesland zu vergleichen, das über ländliches Umfeld und damit über gänzlich andere Lebensumstände als in einer Stadt verfügt, ähnelt dem Vergleich von Äpfeln und Birnen. Hätte man stattdessen Linz zur Gegenüberstellung
herangezogen, könnte man nun ernsthaft über diesen Bericht diskutieren.

Den Gegebenheiten entsprechend ist natürlich die Ärztedichte am Land eine andere als in der Stadt. Schließlich ist es international üblich, dass in der Stadt mehr Fachärzte und weniger Allgemeinmediziner niedergelassen sind. Warum sollte man das jedoch der Bundeshaupthauptstadt zum Vorwurf machen, wie es der Rechnungshof getan hat? Immerhin hat ein Patient aus Stadlau dieselben Möglichkeiten zur Verfügung wie ein Patient aus dem ersten Bezirk Wiens: In der Bundeshauptstadt existiert kein Stadt-Land-Gefälle. In Oberösterreich hingegen stellt die Ärztedichte ein massives Problem dar, denn immer weniger Ärztinnen und Ärzte, unabhängig welchen Faches, wollen am Land eine Ordination eröffnen. Sogar die Landespolitiker fordern daher dringend mehr niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, um die enormen Wartezeiten für die Patientinnen und Patienten in den Griff zu bekommen.

Um auf die besorgniserregende Entwicklung im Gesundheitswesen hinzuweisen, hat die Ärztekammer für Wien nun ein ?PatientInnenbegehren" gestartet. Die Patientinnen und Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, welche Auswirkungen die Pläne der Politik und die Forderungen des Rechnungshofes auf ihre Gesundheitsversorgung haben werden, denn damit fährt man geradewegs in die Zwei-Klassen- Medizin hinein: Wer nicht reich genug ist oder eine entsprechende Zusatzversicherung hat, wird in Zukunft wohl weniger Gesundheitsleistungen bekommen. Denn wenn tatsächlich ein Deckel auf die ärztlichen Leistungen eingeführt wird, dann heißt das für den Patienten: Wer nach Ende des staatlich verordneten Kontingents krank wird, ist selbst schuld. Es ist eine Lüge der Politik, dass die Patienten die Auswirkungen nicht spüren werden, denn wenn die ärztlichen Leistungen gedeckelt werden, dann wird das zu einer unvermeidbaren Reduktion der Leistungen führen.

Das ?PatientInnenbegehren" der Ärztekammer für Wien richtet sich gegen die Vorhaben der Politik und die Hoffnung nährt sich, dass das ?PatientInnenbegehren" auch österreichweit Schule macht. Die Politiker betonen immer wieder, dass Österreich über eines der besten Gesundheitssysteme verfügt, es gilt alles daran zu setzen, dass dies auch so bleibt.

 
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