Orthoptische Rehabilitation bei Patienten mit Gesichtsfeldausfällen im Rahmen zerebrovasculärer Erkrankungen

Von Beyweiß Barbara, Orthoptistin

Jährlich erkranken in Österreich ca. 20 000 Personen an zerebrovasculären Erkrankungen (lt. Angaben der OEGNR). Bei ca. 30-40% dieser Personen kommt es zum Auftreten von verschiedenen visuellen Beeinträchtigungen. Mit ca. 75% sind Gesichtsfeldausfälle (Zihl 1997) die häufigsten Störungen nach Hirnschädigungen.

Ursachen für diese Ausfälle des Gesichtsfeldes sind mit knapp 70% (Kölmel 1988) Infarkte der hinteren und mittleren Hirnarterie, Hypoxien, Schädel-Hirn-Traumen und in seltenen Fällen entzündliche Erkrankungen.
Häufigste Schädigungsorte sind der Okzipitallappen, gefolgt von temporo-partietalen, parietookzipitalen und temporo-okzipitalen Hirnläsionen. Je nach Läsionsort und - größe kommt es zu unterschiedlichen Erscheinungsbildern.
Neben einer neurologischen und ophthalmologischen Abklärung ist auch die Erhebung eines neuro-orthoptischen Status inklusive der Beurteilung der Binocularfunktionen, der Messung der Fusionsbreite, der Überprüfung des Farben- und Kontrastsehens, der visuellen Belastbarkeit sowie der Durchführung eines Tischtests und genormter Lesetests unerlässlich.

Im Folgenden möchte ich die häufigsten Arten von Gesichtsfeldausfällen anführne.
Heteronyme Hemianopsien = Ausfälle in den entgegengesetzten Gesichtsfeldhälften beider Augen (sog. Tunnelblick bzw. Röhrengesichtsfeld). Läsionsort: Chiasma opticum. Häufigste Ursache sind Hypophysentumore.
Homonyme Hemianopsien = beide korrespondierenden Gesichtsfeldhälften sind betroffen; die Ausfälle sind nicht immer vollständig, den intakt gebliebenen Bereich bezeichnet man als Restgesichtsfeld (meist kleiner als 5 Sehwinkelgrad). Läsionsorte: im Bereich der A. cerebri media und im Bereich der A.cerebri posterior.
Quadrantenanopsien = beidseitiger Gesichtsfeldausfall korrespondierender Quadranten. Läsionsorte: im Bereich der Sehstrahlung.

Probleme der Patienten mit halbseitigen Gesichtsfeldausfällen
Durch den Ausfall einer Gesichtsfeldhälfte, häufig kombiniert mit einer reduzierten visuellen Belastbarkeit
infolge einer Störung des Binocularsehens und meist zusätzlichen motorischen und kognitiven Beeinträchtigungen sind diese Patienten im Alltag stark gestört.
Aufgrund des Gesichtsfeldausfalles kommt es zu veränderten Augenbewegungen. Meist vermeiden diese Personen Blickbewegungen zur betroffenen Seite, wodurch es zum Anstoßen und Übersehen von Personen und Gegenständen, zu Orientierungsstörungen und zu Problemen beim Lesen kommt.

Zusätzlich treten häufig hemianope Lesestörungen auf:

Bei linksseitigen Ausfällen
• ist das Auffinden des Zeilenund Wortanfanges erschwert
• der Zeilensprung gelingt oft nicht, Zeilen werden übersprungen oder doppelt gelesen
• der Überblick z.B. in Zeitungen geht verloren
• das Lesesinnverständnis geht häufig verloren

Bei rechtsseitigen Ausfällen
• können Wortendungen nicht oder nur schwer erkannt werden bzw. werden durch andere ersetzt
• ist das Lesetempo reduziert, das Lesen wird deshalb als sehr mühsam und anstrengend empfunden
• der Inhalt des Gelesenen geht häufig verloren.

Im Gegensatz zu Patienten mit zusätzlichen Wahrnehmungsstörungen (Neglektsymptomatik) haben Hemianopsiepatienten meist eine gute Krankheitseinsicht, können ihre Beschwerden gut beschreiben und bringen
aufgrund des Leidensdrucks eine hohe Therapiemotivation mit.

Therapiekonzepte
Unserer Erfahrung nach hat sich das Motto ?Kompensation vor Restitution" bewährt. Restitutionsverfahren sind sehr zeit- und oft auch kostenaufwendig und bringen häufig nur einen Gesichtsfeldzuwachs von wenigen Sehwinkelgraden. Auch werden die veränderten Augenbewegungen nicht beeinflusst. Aus diesem Grund werde ich hier Therapiemöglichkeiten zur besseren Kompensation, wie sie auch an unserer Klinik angeboten werden, vorstellen.

Visuelles Explorationstraining
• Steigerung der Größe und Geschwindigkeit der Augenbewegung ins blinde Halbfeld z.B. durch geführte
Blickbewegungen, spezielle PC-Programme
• Vermeidung von kompensatorischen Kopfbewegungen
• Erlernen von systematischen Augenbewegungen (z.B. Augenbewegung von links nach rechts und von oben nach unten) anhand von großflächigen Suchvorlagen (z.B. Dias, Overheadfolien
• vergleiche auch Therapiematerial nach G. Kerkhoff)
• Papier-Bleistift-Aufgaben zum Festigen der erlernten Suchstrategien
• Möglichst rascher Transfer in den Alltag (z.B. Orientierung am Tisch, im Zimmer, in der Klinik, Absuchen von Regalen, Orientierung im Straßenverkehr,…)

Hemianopes Lesetraining
• Verbesserung der Lesesakkaden
• Lesen mit Fingerführung, Verwendung eines Zeilenhalters
• Diverse Leseübungen mit speziellen PC-Programmen
• Erarbeitung von Strategien für den Alltag

Binocularschulung
• Verbesserung der Auge- Hand-Koordination
• Fusionsübungen zur Steigerung der visuellen Belastbarkeit
• Konvergenz- und Divergenzschulung

Um Patienten mit zerebralen visuellen Störungen optimal betreuen zu können ist daher eine enge Zusammenarbeit
zwischen Ophthalmologen, Neurologen und Orthoptisten Voraussetzung.

Gailtal-Klinik
Zentrum für Neurologische
Rehabilitation, Orthoptik
Radnigerstrasse 12
9620 Hermagor
Tel. +43 4282-2220 DW

 
n