22.03.2011

11. Augenärztliche Akademie Deutschland: Erblindungen nehmen zu

Deutsche Augenärzte rechnen mit einer deutlichen Zunahme von Sehbehinderungen und Erblindungen. Glaukom-Experte Prof. Dr. G. Krieglstein setzte sich deshalb zu Beginn der 11. AAD für verstärkte Vorsorgeuntersuchungen ein.

Der Pressereferent des BVA, Dr. Georg Eckert warnte bei der Eröffnungs-Pressekonferenz der AAD 2011: "Derzeit wird der Stellenwert des guten Sehens unterschätzt. Viele verwechseln die Billenglasbestimmung mit einer Augenuntersuchung. Ihnen ist nicht klar, dass bei der Brillenbestimmung lediglich die zentrale Sehschärfe gemessen wird. Das ist ein fataler Fehler, der gravierende nicht wieder gut zu machende Folgen haben kann."

Prof. Dr. N. Pfeiffer (Mainz) rechnete vor: Es ist zu erwarten, dass Blindheit und Sehbehinderung in unserer alternden Gesellschaft zunehmen werden. Im Jahr 2060 wird in Deutschland jeder Dritte über 65 Jahre alt sein und 14 Prozent aller Menschen werden älter als 80 Jahre sein. Ältere Menschen sind besonders häufig von Augenkrankheiten betroffen, die das Sehvermögen bedrohen. Erblindeten 2010 etwa 4.400 Menschen aufgrund einer Altersabhängigen Makuladegeneration (AMD), so lautet die Prognose für 2030 schon 6055 Neuerblindungen. Durch diabetische Augenkrankheiten verloren 2010 etwa 1.700 Menschen ihr Augenlicht, 2030 werden es wohl 2.171 sein. Die Neuerblindungen durch Glaukom werden voraussichtlich von fast 1.500 auf mehr als 2.000 steigen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine Krankheit, infolge derer der Visus unter 0,05 sinkt, vom Betroffenen als ähnlich schlimm eingeschätzt wird wie der Zustand nach einem Schlaganfall, nach dem man bettlägerig ist.

Professor Pfeiffer apellierte an die Öffentlichkeit, die Anerkennung ophthalmologischer Forschung zu erhöhen und dies durch entsprechende Unterstützung - auch finanzieller Natur - zu dokumentieren. Im Jahr 2008 ist in diesem Zusammenhang ein Weißbuch zur Situation der ophthalmologischen Forschung in Deutschland erschienen, dies ist unter www.dog.org/wp-content/uploads/2009/12/DOG_Weissbuch_2008.pdf abzurufen.

Glaukom-Experte Prof.Dr. G.Krieglstein (Mainz) brach in seinem Referat eine Lanze für eine flächendeckende Screeningmaßnahme zur Früherkennung des Glaukoms. Im Zuge einer Screeninguntersuchung sollte der IOP gemessen und der Sehnerv beurteilt werden, dies ggf durch ein Gesichtsfeld ergänzt. Hier sei es - so Prof.Krieglstein - zu kurz gegriffen, die Kosten der Screening-Untersuchung lediglich den (Folge)kosten von Glaukomerkrankungen gegenüberzustellen, da bei einem Glaukom-screening ja - gleichsam als Nebenprodukt - eine allgemeine ophthalmologische Untersuchung durchgeführt werde und auch diabetische Erkrankungen oder AMD-Erkrkankungen erkannt werden können. Die Glaukomuntersuchung sei, so Prof.Krieglstein, logisch, kosteneffizient, einfach und für den Patienten nicht belastend.

Wenn Keime ins Auge gehen

Prof.Dr.W. Behrens-Baumann wies darin auf das vermehrte Vorkommen von Infektionen am und im Auge hin. Begünstigt (auch) durch falsche Handhabung von Kontaktlinsen und dadurch resultierende ernste Komplikationen.
Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten benötigen jeweils eine eigene Behandlungsstrategie um die Bildung von Resistenzen zu verhindern. In diesem Zusammenhang wies er auch auf den "Magedeburger Dreistufenplan" (Behrens-Baumann, 1991/2011) hin.

Diabetisches Makulaödem: Neue Behandlungsansätze

PD Dr. K.-D. Lemmen (Düsseldorf) stellte Neues aus der Behandlung von diabetischer Retinopathie vor. Als negative Meldung führte er den Umstand an, dass in Deutschland nach wie vor p.a. 1.700 Neuerblindungen aufgrund einer diabetischen Augenerkrankung zu beklagen sind.

Gleichzeitig sei aber bei den Behandlungsmöglichkeiten große Fortschritte erzielt worden.
Klinische Studien haben die Wirksamkeit von VEGF-hemmenden Substanzen (VEGF-Inhibitoren) und Kortisonpräparaten im Vergleich zur bewährten Laserbehandlung geprüft. Dabei zeigte sich, dass die schon bei der feuchten Altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) etablierten Medikamente Ranibizumab (Lucentis®) und Pegaptanib (Macugen®) auch bei Patienten mit diabetischem Makulaödem über einen Zeitraum von bisher ein bis zwei Jahren wirksam sind.
Insbesondere die aktuell publizierten Ergebnisse einer Zulassungsstudie sowie die einer großen industrieunabhängigen Studie des amerikanischen Forschungsverbundes DRCR.net für Ranibizumab, das inzwischen auch für die Behandlung des diabetischen Makulaödems zugelassen wurde, stimmen optimistisch: Beide Studien zeigen, dass sowohl die Monotherapie mit Ranibizumab als auch die Kombination von Ranibizumab mit einer Standard-Lasertherapie die Sehschärfe wirksamer verbessern als die Lasertherapie alleine.

Allerdings kostet die Behandlung viele Patienten etwas Überwindung: Die Medikamente müssen unter den sterilen Bedingungen eines Operationssaals direkt ins Augeninnere gespritzt werden. Dies geschieht ambulant und ist nach Betäubung durch Augentropfen schmerzfrei. Die Behandlung muss aber mehrfach wiederholt werden: nach den bisherigen Studienergebnissen rund sieben bis neun Mal im ersten Jahr und danach häufig auch noch weitere Male. Die medikamentös behandelten Patienten empfinden aber im Vergleich zu jenen, die alleine mit dem Laser therapiert wurden, eine deutlich höhere Lebensqualität, das belegen die Studiendaten. Vor allem die bessere Lesefähigkeit und die größere Mobilität stehen hier im Vordergrund.

Kortisonpräparate, die ebenfalls ins Auge injiziert werden können, schätzen Augenärzte aktuell als "Therapiereserve" ein. Bei dieser Behandlung kann nämlich als Nebenwirkung ein Anstieg des Augeninnendrucks mit möglicher Schädigung des Sehnervs (Grüner Star, Glaukom) auftreten. Außerdem entwickelt sich häufiger eine Linsentrübung (Grauer Star, Katarakt).

Noch besser, als diabetische Augenkrankheiten erfolgreich zu behandeln, sei es allerdings, sie zu vermeiden. Ärzte und Patienten können gemeinsam verhindern, dass Diabetes überhaupt "ins Auge geht": Wichtig sei dafür eine konsequent gute Einstellung des Blutzuckers (zu ersehen am HbA1c-Wert - 6-7%) und des Blutdrucks (120-140/80 mm Hg). Voraussetzung für ein erfolgreiches Krankheitsmanagement sei, dass alle Diabetiker ihre Augen regelmäßig vom Augenarzt untersuchen lassen: Liegen bisher keine Veränderungen vor, dann reiche eine Untersuchung pro Jahr aus. Wenn erste Netzhautveränderungen auffallen, werde der Augenarzt mit dem Patienten abstimmen, in welchen Abständen er zu Kontrollen kommen sollte und wann eine Behandlung notwendig ist. "Klarheit schaffen"

Zuletzt hat Dr.B.Bertram (Düsseldorf) eindringlich auf die massiven Planungsunsicherheiten hingewiesen, denen ein (deutscher) Augenarzt in der Praxis ausgesetzt ist, da die Kassenleistungen oft sehr großen Schwankungen unterliegen und diese Faktoren bei der Anschaffung von teurem diagnostischen Equipment aber in keiner Weise vorhersehbar sind.
Ausserdem seien - so Dr.Bertram - die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten in einem immensen Maße gewachsen ohne dass die Leistungsträger entsprechende Anpassungen vorgenommen hätten.
Früher beschränkte sich die ophthalmologische Betreuung eines AMD-Patienten auf die Anpassung vergrößernder Sehhilfen und einer Begleitung im (unvermeidlichen) Krankheitsvelauf, jetzt stehen therapeutisch und diagnostisch komplett neue Maßnahmen und Instrumente zur Verfügung.

Um die Bevölkerung über diese neuen Möglichkeiten zu informieren, aber auch um die öffentliche Hand für dieses Thema zu sensibilisieren, hat der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. die Aktion "Klarheit schaffen" ins Leben gerufen. Aufgeklärte Patienten sollen so den Wert ihrer Sehkraft zu schätzen lernen und über die Möglichkeiten der Augenheilkunde, diese bis ins hohe Alter zu erhalten, aufgeklärt werden.

Fotoreportage: Mag. Bernhard Steiner (www.ordinationstechnik.at)

 

 

 

 

 

 
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